Qualitätsprobleme der medizinischen Forschung
Als ich zum ersten Mal las, dass meine Genvariante angeblich gutartig sei, war ich schockiert. „Das ist aber ein unglücklicher Fehler,“ dachte ich. Aber nachdem ich viele weitere Arbeiten gelesen habe, halte ich es nicht länger für einen einfachen Fehler. Es ist eins von vielen Zeichen, dass es eindeutige Probleme mit der medizinischen wissenschaftlichen Literatur gibt. Bevor die Fabry-Krankheit zuschlug beschäftigte ich mich intensiv mit der historischen Sprachwissenschaft. In dem Forschungsbereich können keine neuen Daten generiert werden. Neue Einsichten entstehen hauptsächlich, wenn die bekannten Quellen auf immer neue Weisen miteinander verknüpft werden. Vor dem Hintergrund habe ich einige Probleme der medizinischen wissenschaftlichen Forschung festgestellt. Zwei davon stellen ein systemisches Problem dar.
1. Die Extrapolationsfalle. Es wird nicht immer sauber unterschieden zwischen belastbaren Schlussfolgerungen und vorläufigen Schlussfolgerungen, die teilweise auf Annahmen beruhen. Bezüglich meiner GLA-Variante D313Y gibt es folgende Extrapolationskette. Zuerst wurde aus der Assoziation von Gb3-Ablagerungen und Morbus Fabry ein kausaler Zusammenhang. Dann wurde aus dem kausalen Zusammenhang ein einziger exklusiver Pathomechanismus. Nur unter dieser Annahme kann eine Variante, die diesen Pathomechanismus nicht auslöst, für gutartig erklärt werden. Die letzte Extrapolation ist, unter der Annahme der Gutartigkeit dieser Variante, dass die Fabry-Symptome, die mit ihr in Verbindung stehen, eine andere Ursache haben müssen. Jede Extrapolation, die als Tatsache präsentiert wird, verschiebt die Deutung ein bisschen weiter weg von den zugrundeliegenden Daten. Schlussendlich kann es zu einer völligen Loslösung der beiden kommen.
2. Eine wundersame Quellenvermehrung. Schlussfolgerungen, einschließlich vorläufigen Schlussfolgerungen, die als Tatsachen dargestellt werden, werden in Übersichtsarbeiten wiederholt. Diese Übersichtsarbeiten werden in weiteren Übersichtsarbeiten zitiert. Schlussendlich erscheint es eine große Anzahl Quellen für bestimmte Ansichten zu geben, ohne dass es eine ähnlich große Menge an Daten dazu gibt. Dieser Effekt verzerrt die relative Belastbarkeit bestimmter Ansichten. Manche Sichtweisen werden wieder und wieder wiederholt (wie die Annahme, dass meine Genvariante gutartig wäre), und andere Standpunkte, die z.T. von besseren Daten unterstützt werden (wie die Tatsache, dass ER-Stress zur Krankheitsentstehung des Morbus Fabry beiträgt), verschwinden immer wieder aus dem wissenschaftlichen Diskurs. Welche Standpunkte wiederholt werden und welche verschwinden, ist wahrscheinlich zum Teil von der Voreingenommenheit der beteiligten Forscher abhängig. Daten, die bestehende Modelle bestätigen, werden wiederholt, andere Daten ignoriert. Dadurch findet ein gewisses Maß an Subjektivität Eingang in die wissenschaftliche Auseinandersetzung, und dafür gibt es in der Wissenschaft keinen Platz. Außerdem sind es die Daten, die mit den bestehenden Modellen nicht in Einklang sind, die unser Verständnis wirklich vorantreiben können. Deswegen sollten es diese Daten sein, mit denen wir uns am intensivsten beschäftigen.
Andere Probleme sind unsinnige Zitate. In dieser Veröffentlichung ist das Zitat „However, it was clear that such a high dosage of galactose is not practicable in patients with Fabry disease“ (in etwa: Jedoch war klar, dass eine derart hohe Galactose-Dosierung in Fabry-Patienten nicht praktikabel ist) nicht in der genannten Quelle zu finden. Manchmal ist das Problem auch einfach Unsinn. In dieser Veröffentlichung ist das Zitat „AGALopathy is thus not FD, which is based on an enzyme deficiency resulting in intracellular Gb3 accumulation. Thus, AGALopathy cannot be successfully treated with ERT.“ (in etwa: AGALopathie ist folglich kein Morbus Fabry, welcher durch eine Enzymdefizienz verursacht wird, die zu einer intrazellulären Gb3-Speicherung führt. Deswegen kann AGALopathie nicht erfolgreich mit Enzym-Ersatz-Therapie behandelt werden.) auch nicht in der genannten Quelle zu finden. Jedoch ist es auch ohne Überprüfung dieser Quelle problemlos möglich, die Aussage als Unsinn einzuordnen. Ein weiteres Problem ist, dass wissenschaftliche Veröffentlichungen manchmal verfasst werden um ein Soll zu erfüllen, ohne neue Einsichten einzubringen. Die schiere Anzahl verfügbarer Quellen kann es manchmal schwer machen, die Belastbarkeit der Daten, die bestimmte Aussagen stützen, einzuschätzen, vor allem in Anbetracht des zweiten oben genannten Problems.
Der Peer-Review-Prozess funktioniert nicht wie beabsichtigt. Um jedes dieser genannten Punkte zu verhindern gibt es Kreuzgutachten. Auch wenn die meisten Forscher gut schreiben, so braucht es nur einen oder zwei Gutachter, die in ihrem eigenen Werk niedrige Standards anwenden, damit eine Arbeit veröffentlicht werden kann.
Insgesamt erinnert mich die medizinische Forschung an die Archäologie um 1900. Damals wollten alle große und spektakuläre Entdeckungen machen, und manchmal wurden Teile von Tempeln oder sogar ganze Tempel aus fernen Orten nach Europa verfrachtet. Die moderne Archäologie besteht darin, endlose Schutthaufen zu durchsieben. Sogar der kleinste Fund kann die Geschichte neu schreiben. Auch in der Medizin scheint es Leute zu geben, die durch originelle Forschung nach einem Durchbruch streben. Die Behauptung, dass die häufigste GLA-Variante gutartig sei, ist eindeutig eine spektakuläre Behauptung, aber am Ende handelt es sich um eine Überinterpretation der ermittelten Daten, die letzten Endes den Menschen schadet, die die medizinische Forschung eigentlich retten sollte.