Naturwirkstoffe gegen ME/CFS
Als ich vor fast 4 Jahren anfing, an meiner Webseite zu arbeiten, war ich sehr skeptisch bezüglich Naturwirkstoffe. Ich hatte in den Jahren zuvor einige alternative Ansätze zur Linderung meiner Beschwerden versucht, und nichts hatte geholfen, bis ich eine Fabry-spezifische Behandlung erhielt. Das führte zu einer Überzeugung, das richtige Beschwerden auch mit richtigen Medikamenten behandelt werden sollten. Aber aufgrund der darauf folgenden Ereignisse hat sich meine Perspektive erneut verändert. Mit „Ereignissen“ meine ich, dass meine Behandlung aus Gründen, die nichts mit Wissenschaft zu tun haben, beendet wurde, und dass ich feststellte, dass Galactose, die als Nahrungsergänzungsmittel vertrieben wird, mir mehr hilft als die Fabry-spezifische Behandlung. Heute glaube ich immer noch, dass die meisten Nahrungsergänzungsmittel und pflanzlichen Arzneimittel keine Wirkung haben. Vielleicht sind aber doch noch einige Schätze zwischen den zahllosen Präparaten zu finden.
Die pharmazeutische Wissenschaft bewegt sich nicht so schnell wie sie sollte. Viele Leute brauchen sofortige Hilfe, aber die Entwicklung neuer Arzneimittel ist ein zeitaufwendiges und kostenintensives Unterfangen. Neue Arzneimittel, die die Zulassung schaffen, werden immer teurer. Das stellt schon das deutsche Gesundheitssystem vor Probleme. In weniger entwickelten Ländern ist der Zugang zu bestimmten Behandlungen, wie die Fabry-spezifische Behandlung, nahezu unmöglich. Deswegen durchforste ich die wissenschaftliche Literatur nach Substanzen, die günstiger sind und sofort erworben werden können. Nahrungsergänzungsmittel haben dabei einige Vorteile gegenüber experimentellen Chemikalien, die in manchen Versuchen zum Einsatz kommen: die Unbedenklichkeit für den menschlichen Verzehr wurde belegt und die Präparate können ohne Rezept gekauft werden. Die Wirkstoffe einiger Nahrungsergänzungsmittel wurden gut erforscht. Vor allem chinesische Forscher versuchen die traditionelle chinesische Medizin auf eine wissenschaftliche Basis zu stellen. Das mag weit hergeholt klingen, unterscheidet sich aber wenig von der üblichen Medikamentenentwicklung in der westlichen Welt. Die großen Pharmakonzerne haben riesige Substanzbibliotheken, die systematisch auf medizinisch relevante Eigenschaften geprüft werden. Chinesische Forscher machen dasselbe, nur benutzen sie dafür Substanzen, die eine lange Geschichte traditioneller Benutzung aufweisen.
Natürlich haben Nahrungsergänzungsmittel einige Nachteile im Vergleich mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln. Zwischen einem nachgewiesenen physiologischen Effekt und einem Nutzen für den Patienten liegen viele Schritte. Diese müssen erforscht werden, ehe ein Arzneimittel eine Marktzulassung erhält; für Nahrungsergänzungsmittel sind diese oft wenig untersucht. Zwei Beispiele sind Bioverfügbarkeit und erforderliche Konzentrationen. Auch die pharmakokinetischen Eigenschaften sind oft unbekannt. Des weiteren gibt es die Gefahr einer Wechselwirkung mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln. In der Praxis können Präparate mit derselben aktiven Substanz gänzlich unterschiedliche Konzentrationen enthalten. Deshalb sollten Erfahrungsberichte immer die Konzentration der verwendeten Präparate zusätzlich zu Dosis und Häufigkeit erwähnen.
Zuletzt gibt es die Frage, wenn ich eine natürliche Substanz suche, die Patienten mit ME/CFS hilft (und Patienten mit anderen Symptombildern die ich meinem Beitrag vom 4. August erwähnt habe), was bedeutet in dem Fall „helfen“? Ich schreibe diese Zeilen unter der Annahme, dass ME/CFS durch ER-Stress verursacht wird, eine Störung des Zellstoffwechsels aufgrund von Problemen bei der Proteinfaltung. Wenn zu viele fehlgefaltete Proteine produziert werden, sei es durch Genmutationen oder virale Infekte, wird die Abbaukapazität überschritten, was zur Bildung von Aggregaten aus fehlgefalteten Proteinen führt. Die allmähliche Anhäufung solcher Aggregate verursacht eine chronische Entzündung, die zu vielen der Symptome, die mit ME/CFS in Verbindung stehen, führt. Näheres finden Sie in meinem Video. Meinen Erfahrungen mit Fabry-Patienten zufolge führt die Wiederherstellung der Proteinfaltung dazu, dass die Abbaumechanismen nicht länger überlastet sind. Als Folge dessen werden die bestehenden Aggregate aus fehlgefalteten Proteinen nach und nach abgebaut. Dieser Prozess führt zu gelegentlichen Phasen erhöhter Entzündung. Wenn ich also nach einer natürlichen Substanz für die Behandlung von ME/CFS suche, dann suche ich kein Mittel, dass es Patienten ermöglicht, nach zwei Tagen ihre Betten zu verlassen. Stattdessen suche ich etwas, dass die Ursache für die chronische Entzündung aus dem Körper entfernt. Dieser Prozess ist langwierig und unangenehm und führt nur allmählich zu einer schrittweisen Verbesserung der Symptomatik, mit gelegentlichen schlechten Tagen zwischendurch.
Auf der Suche nach Substanzen, die die Effekte von ER-Stress lindern, fand ich anfangs zwei Arbeiten. Eine handelt von der Behandlung von ER-Stress im Rahmen der Alzheimer-Krankheit und benutzt dabei vorwiegend natürliche Substanzen, die andere handelt von der Behandlung von ER-Stress im Rahmen der Parkinson-Krankheit und benutzt dabei vorwiegend chemische Substanzen. Aus oben genannten Gründen bezüglich Verfügbarkeit und Verträglichkeit habe ich mich bislang vor allem mit der erstgenannten Arbeit beschäftigt. Eine Substanz, die mir auffiel, war Quercetin. Es gibt eine Erwähnung einer Linderung von ME/CFS-Symptomen durch Quercetin. Eine ausführliche Beschreibung finden Sie hier. Die genannten Quellen nennen jedoch keinen Wirkmechanismus. Es scheint also einige Hinweise auf die Wirksamkeit von Quercetin für die Behandlung von ME/CFS zu geben, aber wenig verstanden zu werden, wie diese Wirksamkeit zustande kommt. An dieser Stelle möchte ich Linderung von ER-Stress durch Quercetin als verantwortlichen Wirkmechanismus vorschlagen. Die Bioverfügbarkeit von Quercetin ist schlecht, aber eine Kombination mit Bromelain oder eine liposomale Formulierung könnten die Aufnahme verbessern.
In der obigen Arbeit werden weitere Substanzen genannt, darunter Schisandrin, Ginsenoside und Resveratrol (dazu mehr hier und hier).
Eine Substanz die in der obigen Arbeit nicht genannt wird ist Harpagosid, die aktive Substanz der Teufelsklaue. Diese Substanz hat einen positiven Effekt auf entzündliche Prozesse. Sie reduziert auch die mitochondriale Dysfunktion in einem künstlich induzierten Parkinson-modell. Außerdem könnte die Substanz sich unmittelbar positiv auf ER-Stress auswirken.
Es gibt noch weitere natürliche Wirkstoffe, die mich interessieren. Zum Beispiel könnte Miglustat Symptome des Morbus Pompe lindern. Es gibt natürliche Extrakte, hauptsächlich aus Maulbeerblättern, die Miglustat enthalten. Könnten diese sich positiv auf den Gesundheitszustand von Pompe-Patienten mit bestimmten Missense-Mutationen auswirken?
Es gibt noch Vieles zu entdecken in der Welt der Naturmedizin. Anfangs war ich skeptisch, aber mittlerweile denke ich: „Angesichts der großen Anzahl natürlicher Substanzen, die in der Forschung beschrieben sind, ist es unwahrscheinlich, dass keine dieser Substanzen sich positiv auf ME/CFS auswirkt.“ Ich glaube nach wie vor, dass die meisten Präparate dem Verkäufer mehr nützen als dem Käufer. Aber es ist eine interessante Herausforderung, in diesem großen Angebot die wenigen relevanten Produkte zu finden.